Archiv für den Monat: Juli 2022

Layla statt Heidi

Als um das Jahr 1970 die Diskussion um Serge Gainsbourgs „Je t’aime“ stattfand, war ich jung und entschieden gegen einen Boykott dieses Liedes, das in so eindeutiger Weise sexuelle Anspielungen enthielt und dadurch bei vielen Menschen und Institutionen aneckte. Für mich und viele andere wirkte es gerade dadurch befreiend. Seitdem hat es in der populären Musik, bei Schlagern, Pop- und Rocksongs, so viele Lieder und Songs gegeben, die sich in ihrem Text bis an die Ränder des guten Geschmacks, manchmal auch der gesellschaftlichen Konventionen oder sogar des Strafrechts bewegten, das ich sie nicht alle aufzählen kann. Deutschsprachig fallen mir zuerst der „Skandal im Sperrbezirk“, Peter Maffays „Und es war Sommer“ oder vor allem Falcos „Jeanny“ ein.

Im Vergleich mit diesen Liedern und Texten kann ich die derzeitige Aufregung um „Layla“ überhaupt nicht verstehen. Auch nach mehrmaligem Lesen sehe ich den Sexismus nicht, es sei denn, der Hinweis auf einen Puff oder die Nutzung des Wortes geil sind sexistisch. In der heutigen Zeit ? Beim gedanklichen Durchwandern deutscher Partymusik fällt mir zum Stichwort sexistisch viel eher die „Polonäse Blankenese“ von Gottlieb Wendehals ein, in der eindeutig zweideutig auf tatsächlichen Sexismus in Form von körperlicher Belästigung angespielt wird: … wir ziehen los mit ganz großen Schritten und Erwin faßt der Heidi von hinten an die ___ Schulter …“ Soweit ich weiss, wird dieses Lied heute noch gespielt und gesungen, ein nennenswerter Boykott ist mir nicht bekannt.

 

In der aktuellen Diskussion wird oft auf Kontroversen um ausgesprochen derbe Texte des deutschen Rap und seines Umfeldes hingewiesen, in der es seit Jahren an problematischen Inhalten wimmelt. Stets hat jedoch das Argument der Kunstfreiheit gesiegt und die Debatten beendet. Was ist anders ? An eine solche Welle der Aufregung und des Boykotts, wie sie es gerade gegen den Mallorca-Hit „Layla“ gibt, kann ich mich nicht erinnern. Warum greifen eine städtische Verwaltung und Veranstalter von Volksfesten mit Zensur in die Musikauswahl von DJs, Bands und Kapellen ein, warum wird der Song so breit debattiert ?

Diese Fragen werden in den Medien nicht gestellt und nicht beantwortet; der Sexismus wird nicht erklärt. Ich sehe derzeit zwei mögliche Antworten. Zum einen geht es um einen ausgesprochenen Hit, einen Nr-1-Charts-Song, und zu viele Männer und Frauen singen auf Festen zu fröhlich in den Augen derer, die ihre persönlichen Ansichten zum Maßstab für alle Menschen setzen und die Massen umerziehen wollen. Zum anderen könnte die Lösung viel einfacher sein und darin liegen, dass die Puffmutter Layla heisst und nicht mehr Rosi oder Heidi. Besonders naheliegend ist dies, weil es nicht thematisiert wird; es ist eben ein Tabu.

Was  auch der Grund für die Debatte ist: Es geht nur um ein Lied, das geschmacklos, dümmlich oder sonstwie genannt werden kann. Es ist definitiv kein Fall für das Strafrecht. Zensur darf nicht stattfinden, denn über Vorlieben und  Geschmack entscheidet jeder und jede selbst !  

Foto: Unbekannt / Pixabay