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Rückschau 2022

Medien aller Art, analoge wie digitale, fassen gegen Ende dieses Jahres wie immer noch einmal Wichtiges und weniger Wichtiges zusammen; es gibt jede Menge Rückblicke, allgemeine und auch sehr spezielle. Anstelle eines weiteren will ich hier über einen Artikel unserer regionalen Zeitung kurz vor Weihnachten berichten, der Aspekte anschneidet, die in meinen Augen Typisches aus dem aktuellen Deutschland beschreiben, positiv wie auch negativ.

Eine 83jährige Frau wird wegen gesundheitlicher Probleme von ihrer Familie aus ihrer Wohnung heraus in ein Krankenhaus gebracht. Eine Nachbarin ist darüber offensichtlich nicht informiert und alarmiert aus Sorge die Polizei; sie hatte kein Licht und Leben in der Wohnung wahrgenommen. Die Polizei handelt schnell und läßt von der Feuerwehr fachgerecht die Tür öffnen, worauf glücklicherweise festgestellt wird, dass kein aktueller Notfall vorliegt.

So weit, so gut: Der beschriebene Fall zeigt, dass in unserem Lande Vieles gut funktioniert, vom Aufeinander achten im Umgang der Menschen untereinander bis zum schnellen Hilfseinsatz durch staatliche Einrichtungen.

Nun aber wird die Geschichte häßlich, denn ein solcher Einsatz von Polizei und Feuerwehr verursacht natürlich Kosten. Es geht um einen Betrag von etwa 300 Euro, über den die 83jährige eine Rechnung erhält. Dies sprengt wohl die finanziellen Möglichkeiten der Frau, so dass ihre Familie, die offensichtlich selbst nicht bereit ist, die Kosten zu übernehmen, ihren Ärger über eine Zeitung in die Öffentlichkeit trägt und auf Erledigung der Rechnung drängt.

Zahlen soll die Gesellschaft, in klaren Worten wir alle, denn es ist sicher nicht beabsichtigt, die besorgte Nachbarin heranzuziehen. Die kleine Begebenheit mit glücklichem Ausgang wirft die ganz grundsätzliche Frage auf, in welchem Verhältnis die Verantwortlichkeiten von Individuen und Gesellschaft zueinander stehen. Sollen oder müssen wirklich alle Eventualitäten und Widrigkeiten des Lebens von Gesellschaft und Staat abgesichert werden ?

Die Antwort müssen alle Leserinnen und Leser allein für sich selbst finden, aber: Wenn die 83jährige Frau meine Mutter gewesen wäre, hätte ich mich über die Nachbarin gefreut, die Rechnung gezahlt und dann der Nachbarin gedankt.