Tag der Arbeit 1. Mai

Nach zwei Jahren mit gebremsten und meist nur digitalen Aktivitäten sollen in diesem Jahr wieder in ganz Deutschland machtvolle Mai-Demonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB stattfinden, natürlich auch in Emden.

Hier beginnt am Sonntag die gewerkschaftliche Veranstaltung um 10:15 Uhr mit einer Demonstration vom Hafentor aus; sie führt in großem Bogen zum Stadtgarten, wo ab 11:30 Uhr eine Kundgebung stattfindet. Vor der Demonstration findet ab 9:30 Uhr ein Gottesdienst statt, und nach dem Ende der Kundgebung geht die Veranstaltung über in ein Familienfest im Stadtgarten.

Das bundesweite Motto des DGB für den 1. Mai 2022

Ursprünglich geht der Tag der Arbeit auf Ereignisse in den USA im Jahr 1886 zurück. Auf dem zweiten Internationalen Arbeiterkongress in Paris wurde beschlossen, sich Plänen des Amerikanischen Arbeiterbundes für eine weltweite Demonstration am 1. Mai 1890 anzuschließen. Damit wurde der 1. Mai zum zentralen Aktions- und Feiertag der Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit. In Deutschland unterstützte dies die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP, später SPD) und am 1. Mai 1890 legten etwa 100 000 Menschen ihre Arbeit nieder. Der 1. Mai entwickelte sich danach zum Festtag der Arbeiterbewegung, wurde aber nur 1919 einmalig als gesetzlicher Feiertag begangen.

In der Weimarer Republik war die Arbeiterbewegung gespalten: Während die SPD den 1. Mai als Festtag begehen wollte, betonte die Kommunistische Partei (KPD) den Kampfcharakter des Tages. Als sie 1929 trotz eines Demonstrationsverbots Maidemonstrationen in Berlin organisierte, kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit über 30 Toten, Hunderten Verletzten und vielen Verhaftungen, zum sogenannten „Blutmai“. 1933 machten die Nationalsozialisten den 1. Mai zum Feiertag der nationalen Arbeit, besetzten aber am Tag darauf Gewerkschaftshäuser, Arbeiterbanken und Gewerkschaftsblätter. Viele leitende Funktionäre wurden in Konzentrationslagern und Gefängnissen inhaftiert. Die neugegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF) sollte das nationalsozialistische Ideal der Volksgemeinschaft darstellen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der 1. Mai 1946 durch die Alliierten als Feiertag bestätigt. In der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR wurden am 1. Mai lange Zeit staatliche Militärparaden inszeniert; Bürgerinnen und Bürger waren verpflichtet, daran teilzunehmen. In der Bundesrepublik nutzten die Gewerkschaften den Tag für Massenkundgebungen mit wechselnden Schwerpunkten und Themen. Trotz oft lebensentscheidender Fragen sind die Maikundgebungen seit Jahren schon nicht mehr so attraktiv wie früher: Folgten 1960 in Berlin noch 750 000 Menschen dem Aufruf, so nahmen 2019 an der offiziellen Kundgebung des DGB am Brandenburger Tor nur noch 13 000 teil.

Heute, nach dem Ende vieler Corona Beschränkungen, muss diese Entwicklung wieder umgekehrt werden; Gründe dazu gibt es genug. Bürgerinnen und Bürger müssen neu die Bereitschaft entwickeln, gemeinsam für gewerkschaftliche Ziele einzutreten. Der DGB und seine Gewerkschaften müssen aber wohl auch über die Formen nachdenken, in denen das Anliegen des 1. Mai präsentiert wird.

Dieser Text ist eine modifizierte Fassung eines Beitrages, den ich zum 1. Mai für Internetseiten der Emder SPD geschrieben habe.

Mehr zum Thema im Netz:

Beitrag Der 1. Mai – Tag der Arbeit in Lebendiges Museum Online

Grafik: Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

Ostern 2022

Wohl kaum jemand hätte vor einem Jahr das diesjährige Osterfest in einem so anderen Kontext gesehen, doch die politisch-gesellschaftliche Situation in Europa hat sich durch den militärischen Überfall Russlands auf die Ukraine drastisch verändert. Wir werden damit und vor allem mit den Folgen sicher lange leben müssen; zusammen mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie sieht es daher nicht so aus, als ob wir in das Leben, das wir zum Beispiel noch im Jahr 2019 geführt haben, zurückkehren werden.

Aber Ostern ist und bleibt eines der großen vom Christentum geprägten Feste im Laufe eines Jahres. Nutzen wir es für ein Innehalten, für das Sammeln neuer Kräfte.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern dieser Seiten ein entspannendes Osterfest, eine Pause vom schwieriger werdenden Alltag. Genießen wir auch den beginnenden Frühling, um gestärkt weiterzuleben und uns dann mit neuer für unsere Ziele, Wünsche und Träume einzusetzen.

Foto: Peggy Choucair / Pixabay

Stolpersteine nun auch in Wolthusen

Gunter Demnig war wieder in Emden und hat zum nun schon 15. Mal seine Stolpersteine verlegt, diesmal auch im Ortsteil Wolthusen. Mit seinem inzwischen europaweiten Projekt schafft Demnig ein dezentrales Mahnmal inmitten von Städten und Gemeinden, an den Orten, an denen die jeweiligen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zuletzt gelebt haben. Jedem und jeder Verfolgten, Deportierten, in den Tod Getriebenen oder Ermordeten wird mit dem Stolperstein ein Denkmal gesetzt, indem mit dem Namen die Erinnerung an jeden einzelnen Menschen lebendig gehalten wird.

Bei der aktuellen Aktion in Emden wurde an insgesamt 25 Menschen erinnert, die in unterschiedlicher Weise Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden sind. So sind es in der Wolthuser Straße zum Beispiel fünf Steine, die an den aus den Niederlanden in den 20er Jahren nach Ostfriesland übergesiedelten jüdischen Viehhändler Aron de Leeuw und seine Familie erinnern, die deportiert und in Lagern ermordet wurde. In der Nordertorstraße hingegen wird mit einem Stein das Gedenken an Henry Mellendorf wachgehalten, der im Emder Widerstand tätig war und dabei Opfer politischer Verfolgung wurde.

Für jeden Menschen, der in der aktuellen Verlegung mit einem Stolperstein geehrt wurde, trugen Schülerinnen und Schüler verschiedener Emder Schulen eine jeweilige kurze Biografie vor, die die knappen Angaben des Steines selbst erweiterte und erläuterte. Die Angaben dazu wurden von Mitgliedern des Arbeitskreises Stolpersteine Emden recherchiert, die auch in Zusammenarbeit mit Gunter Demnig die Emder Aktion organsiert haben.

Die Stolpersteine der 15. Verlegung erinnern an Berend Hündling sowie an Hermann,Clara, Arthur, Else, Arno, Philipp, Kurt und Mathilde Hartogsohn. Desweiteren werden die Namen Arent, Kornelia, Simon und Ludwig Gans wachgehalten wie auch der von Gesine Lüken. Schließlich wird erinnert an Josef, Henriette, Grete, Iwan und Ryfka Wolff, an Aron, Hermina, Max, Nico und Siegfried de Leeuw sowie an Henry Mellendorf.

Das Projekt Stolpersteine ist ein wichtiger Bestandteil der Bemühungen in unserer Gesellschaft, dem Vergessen entgegenzutreten, auch wenn die Zeitzeugen mit ihren selbst erlebten und daher so eindringlichen Berichten immer weniger werden. Es zeigt, dass Deutschland sich täglich seiner historischen Verantwortung stellt und hier auch eine (von vielen) Möglichkeiten gefunden hat, bei der schulisches Lernen und Alltagsleben miteinander verbunden sind.

Mehr zum Thema im Netz:

Internetpräsenz von Gunter Demnig

Artikel Stolpersteine in Wikipedia

Foto: Berthold Haase

Kein Ranking des Leidens

Neben all den bekannten gesellschaftlichen Aspekten im Rückblick auf 2021 habe ich mich oft mit der Aussage beschäftigt, dass Kinder und Jugendliche die größten Verlierer der Corona-Zeit sind. Als gerade erst pensionierter Lehrer und auch als Großvater von zwei Enkelinnen kann ich diesen Satz zunächst gut nachvollziehen, wenn ich daran denke, was von den jungen Menschen alles in den letzten 21 Monaten zu verkraften war. Und ja: Da hat auch viel Schönes im Leben gefehlt !

Als Neffe und Betreuer von Onkel und Tante im Alter von 89 und 90 Jahren und als Mitglied des Emder Seniorenbeirates habe ich jedoch auch das andere Ende des Lebens genau gesehen. Ich war dabei, als ein Ehepaar sich nach über 60 Jahren Gemeinsamkeit nur noch durch eine Plastikscheibe getrennt treffen konnte, und ich habe die Geistlichen gehört, die von unerträglichen Beschränkungen bei Begräbnissen erzählten. Abschied nehmen war nicht immer möglich.

Großvater und Enkelin

Natürlich gewichten wir beim Thema Finanzen, und wir müssen auch politisch bedingt Priorisierungen vornehmen, aber es darf kein Ranking des Leidens geben. Jede Altersgruppe hat gelitten und musste und muss immer noch einstecken: Die Einen leiden in ihren wichtigen prägenden Jahren, die Anderen in den letzten Jahren, die sie noch haben. Die Einen verlieren viele Tage, Wochen und Monate mit unbeschwertem Spass, Abenteuern und Entdeckungen, den Anderen wird die Möglichkeit genommen, ihren Lebensabschluss zu genießen und das Ende in Würde zu erleben. Der wahrscheinlich gut gemeinte Hinweis darauf, dass noch ein langes Leben wartet, tröstet aktuell keinen Teenager; der Verweis darauf, dass jemand bereits ein langes Leben gehabt hat, ist respektlos.

Wir sollten alles Leiden ernst nehmen und nicht gewichten, sonst gehen wir auch hier einen Schritt zu einer gesellschaftlichen Spaltung.

Der Text ist eine erweiterte und geschärfte Fassung eines Beitrages, den ich für die Emder Zeitung vom 6. Januar geschrieben habe.

Foto: Rita E / Pixabay