Terror einer Minderheit

Nun hat sich also das ereignet, was schon lange befürchtet wurde: Im Zusammenhang mit den Protesten gegen die deutsche und internationale Klimapolitik durch Straßenblockaden hat es die Verzögerung einer Rettungsfahrt gegeben. In Berlin provozierte die Gruppe Aufstand Letzte Generation einen Stau, durch den ein Fahrzeug der Feuerwehr daran gehindert wurde, so schnell wie möglich zum Einsatz an einem Unfallort zu gelangen.

Demonstration der Gruppe Aufstand Letzte Generation durch Blockade des Straßenverkehrs

Da es beim Unfall einer Fahrradfahrerin mit einem Lastwagen entsetzlicherweise zu einem Todesfall kam, herrscht seitdem große Empörung gegen diese Demonstanten, und  aus der Politik werden wir überschwemmt mit Beileidsbekundungen, Einschätzungen, Abgrenzungen und sogar Forderungen nach erhöhten Strafen. So bedauerlich und auch aufrüttelnd dieser Unfall natürlich ist stellt sich als grundsätzliche Frage:  Warum kommen diese Reaktionen erst jetzt ?

Die Gruppe Aufstand Letzte Generation macht in ihrer Kommunikation auf der eigenen Webseite wie auch in Nachrichten bei Twitter oder Interviews schon lange deutlich, dass sie nicht bereit ist, die demokratischen Spielregeln unseres Landes zu akzeptieren. Wegen der angeblich unmittelbar bevorstehenden Klimakatastrophe nimmt sie das Recht in Anspruch, ihre Forderungen durch Drohungen und Ultimaten durchzusetzen. Dabei drohen sie auch damit, Leben einzusetzen, wie das schon im Hungerstreik vor der Bundestagswahl 2021 geschah. Seit Wochen oder sogar Monaten schon haben die Straßenblockaden nicht mehr das Ziel, auf die Klimaveränderungen und die daraus entstehenden Probleme hinzuweisen, sondern sie sind verknüpft mit der Erfüllung von Forderungen wie zum Beispiel der Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen. Das ist Erpressung von Staatsorganen, keine Beteiligung an politischer Meinungsbildung !

Foto Felix Müller / Wikimedia Commons

Layla auch Nr. 1 auf dem Münchener Oktoberfest

Als um das Jahr 1970 die Diskussion um Serge Gainsbourgs „Je t’aime“ stattfand, war ich jung und entschieden gegen einen Boykott dieses Liedes, das in so eindeutiger Weise sexuelle Anspielungen enthielt und dadurch bei vielen Menschen und Institutionen aneckte. Für mich und viele andere wirkte es gerade dadurch befreiend. Seitdem hat es in der populären Musik, bei Schlagern, Pop- und Rocksongs, so viele Lieder und Songs gegeben, die sich in ihrem Text bis an die Ränder des guten Geschmacks, manchmal auch der gesellschaftlichen Konventionen oder sogar des Strafrechts bewegten, das ich sie nicht alle aufzählen kann. Deutschsprachig denke ich beispielsweise an „Skandal im Sperrbezirk“, Peter Maffays „Und es war Sommer“ oder vor allem Falcos „Jeanny“.

Im Vergleich mit diesen Liedern und Texten kann ich die Aufregung der letzten Monate um „Layla“ überhaupt nicht verstehen. Auch nach mehrmaligem Lesen sehe ich den besonderen Sexismus nicht, es sei denn, der Hinweis auf einen Puff oder die Nutzung des Wortes geil sind sexistisch. In der heutigen Zeit ? Beim gedanklichen Durchwandern deutscher Partymusik fällt mir zum Stichwort sexistisch viel eher die „Polonäse Blankenese“ von Gottlieb Wendehals ein, in der eindeutig zweideutig auf tatsächlichen Sexismus in Form von körperlicher Belästigung angespielt wird: „… wir ziehen los mit ganz großen Schritten und Erwin faßt der Heidi von hinten an die ___ Schulter …“ Soweit ich weiss, wird dieses Lied heute noch gespielt und gesungen, ein nennenswerter Boykott ist mir nicht bekannt.

In der aktuellen Diskussion wird oft auf Kontroversen um ausgesprochen derbe Texte des deutschen Rap und seines Umfeldes hingewiesen, in der es seit Jahren an problematischen Inhalten wimmelt. Stets hat jedoch das Argument der Kunstfreiheit gesiegt und die Debatten beendet. Was ist anders ? An eine solche Welle der Aufregung und des Boykotts, wie sie es gerade gegen den Mallorca-Hit „Layla“ gibt, kann ich mich nicht erinnern. Warum greifen eine städtische Verwaltung und Veranstalter von Volksfesten mit Zensur in die Musikauswahl von DJs, Bands und Kapellen ein und warum wird der Song so breit debattiert ?

Diese Fragen werden in den Medien nicht gestellt und nicht beantwortet; der Sexismus wird nicht erklärt. Ich sehe für mich zwei mögliche Antworten: Zum einen geht es um einen ausgesprochenen Hit, einen Nr-1-Charts-Song, und zu viele Männer und Frauen singen auf Festen wohl zu fröhlich in den Augen derer, die ihre persönlichen Ansichten zum Maßstab für alle Menschen setzen und die Massen umerziehen wollen. Zum anderen könnte die Lösung viel einfacher sein und darin liegen, dass die Puffmutter Layla heisst und nicht mehr Rosi oder Heidi. Besonders naheliegend ist dies, weil es nicht thematisiert wird; es ist eben ein Tabu.

Was  auch der Grund für die Debatte ist: Es geht nur um ein Lied, das geschmacklos, dümmlich oder sonstwie genannt werden kann. Es ist definitiv kein Fall für das Strafrecht. Zensur darf nicht stattfinden, denn über Vorlieben und  Geschmack entscheidet jeder und jede selbst !  

Foto: Unbekannt / Pixabay

Nachdenktage: 6. September

Für Emden ist der 6. September1944 ein zentrales historisches Datum. Der Tag steht für ein besonders prägendes Ereignis in der Stadtgeschichte: In den späten Nachmittagsstunden wurden bei einem Bombenangriff etwa 80 Prozent der Stadt zerstört. Auch für uns Menschen des Jahres 2022 ist dies nicht einfach ein Tag im Geschichtsbuch, sondern Grund für Gedenken und Erinnern, wie die aktuelle Einladung  von Oberbürgermeister Tim Kruithoff zeigt:

„Der Luftangriff der Alliierten am 6. September 1944 hatte das Ziel der größtmöglichen Zerstörung. Innerhalb von weniger als einer halben Stunde wurden von 181 Bombern annähernd 18.000 Bomben auf die Stadt geworfen. 46 Emder/innen wurden getötet, 109 verletzt und 21.000 Einwohner wurden obdachlos. Das gesamte Stadtgebiet innerhalb des Wallgürtels wurde fast vollständig zerstört. Wie unzählige andere Gebäude wurde auch das 1574 bis 1576 erbaute Renaissance-Rathaus bei dem verheerenden Flächenbombardement bis auf die Grundmauern zerstört.

Bis dahin war das Rathaus nicht nur das städtebaulich dominierende Element der Emder Innenstadt, sondern das emotionale Herz unserer Stadt …

Wie in jedem Jahr bereitet die Stadt Emden – unter anderem in Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern des Bauvereins Neue Kirche Emden e.V., des Arbeitskreises Bunkermuseum sowie dem Arbeitskreis 6. September – die Feierlichkeiten zum Gedenken an den 6. September 1944 vor.“

Trümmer des alten Rathauses von Emden am Delft

Die weitgehende Zerstörung ihrer Heimatstadt war für viele Emderinnen und Emder zunächst ein schmerzliches Geschehen und wurde in vielen Familien bis heute durch Erzählungen weitergegeben. Das ist richtig, wichtig und gut, und doch muss der Blick nach 78 Jahren weit über den Rand der Stadt hinausgehen.  Der Angriff auf Emden war Teil des Kampfes gegen das nationalsozialistische Deutschland; er ist daher nicht zu verstehen ohne eine umfassende Einordnung in den Kontext der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Drastische Worte dafür findet Hans-Gerd Wendt:

„Der Untergang Emdens geschah viel früher, am 6.9.1944 wurde er nur ganz deutlich, für jeden sichtbar. Der Untergang wurde nur noch besiegelt. Die Verbrechen, die dazu geführt hatten, geschahen vor, während und noch nach dem vernichtenden Bombardement der Stadt, nicht nur in Berlin, sondern auch in Emden. Der barbarischen Selbstzerstörung der Stadt und des Landes, der Zerstörung Europas und dem Morden an Millionen von Menschen wurde am 8.5.1945 – von außen – ein Ende gesetzt. Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter der Stadt und des Landes, die Unterdrückten und Entrechteten, die Widerstand geleistet und in Zuchthäusern und Konzentrationslagern vegetiert hatten, die, die Menschen geblieben waren, wurden befreit. Der Rest wurde besiegt.“

Die Unterschiede dieser im Netz gefundenen Texte deuten an, welche Bandbreite an Betrachtungsweisen das Thema Bomben auf Emden bietet. Hier ist breites Recherchieren für eine eigene Meinungsbildung wichtig; sie könnte beginnen bei der Darstellung der Jahre 1933 bis 1945 in der offiziellen Emder Stadtgeschichte. 

Mehr zum Thema im Netz

Vollständige Einladung des Oberbürgermeisters zum Gedenken an den 6. September 1944 auf der Internetpräsenz der Stadt

Vollständige Auseinandersetzung mit dem 6. September 1944  und dem Umgang mit dem Gedenken auf einer Seite der Ubbo-Emmius-Gesellschaft

Darstellung der Emder Stadtgeschichte 1933 – 1945 auf den Seiten der Stadt

Foto Stadtarchiv Emden